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ADHS bei Frauen: Wie der Gender Health Gap einer ganzen Generation die Diagnose gestohlen hat

Sie haben Systeme entwickelt, um nach außen hin „perfekt" zu wirken. Pläne doppelt und dreifach abgesichert, ihre Herausforderungen auf die übliche Doppelbelastung als Frau geschoben. Sie haben jahrelang funktioniert. Manchmal besser, manchmal schlechter – aber funktioniert.

Und dann kam der Moment, in dem das System zusammenbrach, weil die Energie nicht mehr reichte…




Inhaltsverzeichnis:




Die Krankheit, die es für Frauen nicht gab

Als ADHS in den 1970ern systematisch erforscht wurde, konzentrierte sich die Wissenschaft auf junge Burschen. Hyperaktivität, Impulsivität und Auffälligkeit im Unterricht als Basis für die Diagnose. Damals war man auch noch der Ansicht, dass sich ADHS „auswächst".


Madeleine Hirtl, ADHS Business Coachin beim Lesen des Buches "Unsichtbare Frauen"

Kein Wunder, dass man damals zu diesem Schluss kam – bis 1975 durften Frauen in Österreich nur dann bezahlter Erwerbsarbeit nachgehen, wenn es der Ehemann erlaubte. Die Frauen waren also zum größten Teil mit Care-Arbeit beschäftigt und haben das Leben der (ADHS-)Männer gemanagt. Männer in gehobeneren Positionen hatten zusätzlich eine Sekretärin an ihrer Seite, die erinnert hat, sich gekümmert hat und alle Hürden aus dem Weg geräumt hat. Bei so einem Rund-um-Service hat man(n) kaum mit den negativen Seiten von ADHS zu kämpfen. Man(n) wirkt und funktioniert wie ein neurotypisches Mitglied der Gesellschaft. Und weil Männer als Norm galten, wurde ADHS als „Kinderkrankheit" gehandelt.


Die Konzentration auf die männliche Symptomatik, wie sie in der Medizin und Wissenschaft leider immer noch üblich ist, ist ein wesentlicher Grund für das mangelnde Wissen über weibliche Symptomatik. Das Wissen über den Einfluss weiblicher Hormone auf ADHS? Immer noch kein Standard.


Das Resultat ist messbar: Im deutschsprachigen Raum wird ADHS bei Jungen zwei- bis viermal häufiger diagnostiziert als bei Mädchen – wobei Expert*innen inzwischen davon ausgehen, dass die tatsächliche Häufigkeit bei Mädchen deutlich höher liegt, als die Diagnosezahlen vermuten lassen.


Bei Mädchen ist der unaufmerksame Typ deutlich häufiger als der hyperaktive. Der Typ, der für die Gesellschaft nicht störend ist, der Typ, der die Symptomatik nicht nach außen zeigt. Die Diagnose kommt deshalb oft viel später, weil die Symptomatik des unaufmerksamen Typs schlicht unauffälliger ist.


Unauffällig – für dieses Wort hat eine ganze Generation Frauen teuer bezahlt.



Masking: Der Energieverbrauch, der niemandem auffällt

Die gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen sind klar definiert: Anpassung und Anschlussfähigkeit. Das gilt auch für Frauen mit nicht-diagnostiziertem ADHS. Sie lernen früh, wie sie den Erwartungen gerecht werden – und wie sie das Chaos in ihrem Kopf unsichtbar machen. Sie werden pünktlich, indem sie sich Systeme bauen, die sie laufend an alles erinnern. Sie wirken organisiert, indem sie sich permanent absichern, doppelt überprüfen und teils krankhaft perfektionistisch werden. Sie wirken ruhig, weil sie die innere Unruhe nicht zeigen. Und wenn es gar nicht mehr auszuhalten ist, kommen oft verschiedenste Substanzen ins Spiel, die den unerträglichen Zustand unterdrücken.


Diesen Zustand zu verbergen, nennt sich Masking – und es ist verdammt harte Arbeit.


Diese unbewussten Strategien erlauben den Frauen, jahrelang mit unerkanntem ADHS umzugehen und weiterhin unauffällig und angepasst zu funktionieren. Das ist jahrzehntelanger Hochleistungssport unter widrigsten Bedingungen – zusätzlich zu den normalen Anforderungen des Lebens.


Und dafür zahlen diese Frauen regelmäßig: in Form von Burnouts oder anderen psychischen Erkrankungen, die nicht mit ADHS in Verbindung gebracht werden.



Angststörung und Depression – die Hysterie der Neuzeit

Frauen mit ADHS zeigen andere Symptome als die bekannten, bei Männern üblichen Kriterien. Sie erhalten deshalb stattdessen Diagnosen wie Depression, Angststörung oder Persönlichkeitsstörung. Diese Diagnosen sind nicht per se falsch – sie sind klassische Komorbiditäten von ADHS und gehören selbstverständlich auch behandelt. Kritisch daran ist, dass bei Frauen die Behandlung damit endet. Der Verdacht auf ADHS als zugrundeliegende Ursache kommt einfach nicht auf. So wird Frauen jahrelang die richtige Unterstützung verwehrt.


Antidepressiva, die notwendig wurden, weil man jahrelang gegen das gearbeitet hat, was das Gehirn eigentlich braucht. Endlose Therapiestunden gegen Symptome, die keine Therapie wegmacht, weil es schlichtweg an der Hardware des Hirns liegt.


Und die Frage, die permanent im Raum steht: Was stimmt nicht mit mir? Die so wichtige Antwort – „Du bist nicht kaputt, dein Hirn funktioniert nur anders" – kommt spät oder gar nicht.



Die ersten Knackpunkte für Frauen der Lost Generation

Diese Fehldiagnosen können sich über Jahre, manchmal Jahrzehnte hinziehen. Was viele Frauen schließlich auf die eigene Spur bringt, sind keine neuen Symptome, sondern Momente, in denen die bisherigen Bewältigungsstrategien an ihre Grenzen stoßen.


Üblicherweise wird die ADHS-Symptomatik verstärkt sichtbar, wenn Strukturen wegfallen oder sich gewohnte Systeme zu Ungunsten der Neurodivergenz verändern.


Ein Klassiker ist der Wechsel von der stark regulierten Schulrealität zur Universität. Ein Ort, wo externe Accountability und vorgegebene Abläufe wegfallen. Plötzlich liegt es an einem selbst, welche Inhalte man wann und wie lernt, ob man Prüfungsantritte wahrnimmt oder verstreichen lässt. Kurzgesagt: Das ist der Ort, wo sich exekutive Dysfunktion zeigt und schwerwiegend einschränkend werden kann.


Der Wechsel auf die Uni war auch bei mir ein Knackpunkt – ich habe dort nicht mehr „funktioniert". Damals dachte ich, es sei ein Kulturschock, der natürlich groß ist, wenn man von einer Kunstschule mit Freigeistern auf die Wirtschaftsuniversität wechselt. Als die legitime Zeitspanne eines Kulturschocks vorüber war, fand ich einen neuen passenden Grund, warum es mit mir und der Uni nicht klappt. „Schuld" war jetzt mein Nebenjob und die Freude, die er mir bereitete – weshalb ich ihm immer mehr Zeit widmete als dem Studium.


Ich hatte Glück und fand letztlich eine Lösung, meinen Wunsch zu studieren wahr werden zu lassen. Ich entschied mich für ein berufsbegleitendes Studium an der Fachhochschule. Anwesenheitspflicht, fixe Prüfungstermine, ein Jahrgang, mit dem man gemeinsam abschließt. Also bin ich vier Jahre lang nach der Arbeit pünktlich um 18:30 in meine Vorlesungen gegangen und habe mein Studium abgeschlossen.


Und meine ADHS-Diagnose musste weiter warten…



Kinder als Spiegel des Selbst – auch im Kontext von ADHS

Aber nicht nur der Wegfall äußerer Strukturen kann zum Knackpunkt werden. Auch hormonelle Veränderungen bleiben nicht folgenlos.


Dass Schwangerschaft und Stillen einer hormonellen Achterbahn gleichkommen, ist keine Neuigkeit. Diese Achterbahn bringt, gepaart mit allen Veränderungen, die ein Kind ins Leben bringt, wohl auch jede neurotypische Frau an ihre Grenzen.


Und wieder kommt es bei den wenigsten Frauen zur ADHS-Diagnose – die erlebten Herausforderungen lassen sich nur zu gut mit der neuen Rolle erklären.


Für viele Frauen aus der „Lost Generation" wird ADHS deshalb erstmals ein Thema, wenn das eigene Kind Symptome aufweist. Mit der Diagnose des Kindes beginnt eine tiefergehende Auseinandersetzung mit diesem Neurotyp. Und plötzlich merken die Mütter: Was beim Kind als ADHS-Symptom gilt, trifft auch auf sie zu.


Die Selbstdiagnose ist für viele Frauen der Moment, in dem das Erlebte und die Vergangenheit auf einmal Sinn ergeben. Es ist der Start, das eigene Leben neu zu betrachten und auf die Bedürfnisse eines neurodivergenten Hirns auszurichten.


Unabhängig davon, ob sich die Frauen dann für eine offizielle Diagnose entscheiden oder nicht – in der Regel beginnt hier der Weg in ein neues Leben und hoffentlich zu neuer Lebensqualität.



Perimenopause: Wenn das System zusammenbricht

Nicht alle Frauen bekommen Kinder, aber alle kommen früher oder später in die Perimenopause. Und für Frauen mit unerkanntem ADHS – die Lost Generation – wird sie oft zum härtesten Knackpunkt von allen.


Mich hat sie 2025 erwischt. Gelenkschmerzen, Dauermüdigkeit, Reizbarkeit – das war alles sehr mühsam, aber irgendwie noch lebbar. Was mich wirklich an meine Grenzen gebracht hat: Meine Coping-Strategien, auf die ich mich mein Leben lang verlassen konnte, haben aufgehört zu funktionieren.


Deadlines haben keinen Antrieb mehr erzeugt, sondern nur noch Panik. Das Ausfiltern von Geräuschen war plötzlich nicht mehr möglich – und das Ticken einer Uhr hat körperliche Schmerzen verursacht. Und dank Schlafproblemen konnte dieser extra Stress nicht abgebaut werden, sondern wurde immer schlimmer.


„Danke“, liebe Neurobiologie

Östrogen reguliert den Spiegel von Botenstoffen im Gehirn wie Dopamin, das bei ADHS ohnehin nicht effizient arbeitet. Normalerweise fördert Östrogen die Ausschüttung von Dopamin und verlangsamt seinen Abbau im Körper. Mit anderen Worten: Östrogen ist die heimliche Hilfe, die viele ADHS-Symptome kompensiert hat – ohne dass man es merkt.


Mit der Perimenopause verändert sich das Zusammenspiel der Hormone: Progesteron wird weniger oder gar nicht mehr produziert, gleichzeitig schwankt auch der Östrogenspiegel stark. Das wirkt sich unter anderem darauf aus, wie viel Serotonin und Dopamin im Gehirn verfügbar ist. Für Frauen mit ADHS bedeutet das: ein System, das ohnehin auf wackligen Beinen steht, verliert seine letzte Stabilität.


Kein Wunder, dass Frauen mit ADHS die Perimenopause als bis zu dreifach erhöhte Belastung erleben. Was dann oft noch rein als Burnout oder Erschöpfungsdepression diagnostiziert – und im schlimmsten Fall als Einbildung abgetan – wird, ist in Wirklichkeit ein Hilfeschrei des Gehirns. Es ist das Zeichen, dass dieses Gehirn jahrzehntelang unter falschen Bedingungen gearbeitet hat.


Durch die wachsende Präsenz der Themen Neurodiversität und Perimenopause können viele Frauen der Lost Generation nun endlich die Signale ihres Körpers richtig einordnen und gezielt handeln.



Was das mit Arbeit zu tun hat

Ob im Studium, im Beruf oder in der Selbstständigkeit – ADHS bei Frauen hat in jedem Lebensbereich Konsequenzen. Und weil die Diagnose so lange ausgeblieben ist, tragen diese Frauen die Konsequenzen meist alleine: als persönliches Versagen verbucht, mit Willenskraft bekämpft, hinter Perfektion versteckt oder als permanent präsente Komorbidität.


Wenn du als selbstständige Frau Leistungseinbrüche erlebst, dich in Projekten verlierst, mit Deadlines kämpfst oder das Gefühl hast, gegen dich selbst zu arbeiten – dann ist es an der Zeit, dein Setup anzupassen. Trau dich, auf deine Bedürfnisse zu hören, löse dich von dem, „was sich gehört", und mach, was du brauchst – egal wie absurd es dir zu Beginn vorkommt.


Wenn du eine Führungskraft bist: Deute Leistungseinbrüche als Information statt als Problem. Gestalte gemeinsam mit deinem Team Strukturen, die für verschiedene Gehirne funktionieren. So bleibt Potenzial im Unternehmen erhalten, das sonst Gefahr läuft, (innerlich) zu kündigen oder im Krankenstand zu enden.


Eine ganze Generation von Frauen hat jahrzehntelang in Systemen funktioniert, die (mangels Wissen) nicht für sie gemacht wurden. Jetzt haben wir das Wissen – und es braucht unseren Willen, etwas zu ändern.



Was jetzt zählt

An alle Frauen, die sich in diesem Artikel wiedererkennen: Vertraut eurem Instinkt!



Wenn ihr die Vermutung habt, dass ihr ADHS habt, dann hat das seinen Grund. Wenn ihr den Verlauf eurer Perimenopause als nicht „normal" empfindet, dann ist er es auch nicht – egal was euch medizinisches Personal möglicherweise vermittelt. Holt euch eine zweite Meinung, sucht Spezialist*innen auf, tauscht euch mit anderen Frauen aus. Niemand kennt seinen Körper besser als man selbst.


Eine späte Diagnose ist kein Trostpreis. Sie ist ein Schlüssel zum Verständnis der eigenen Geschichte und Wegweiser für die Zukunft.

 

Madeleine Hirtl, ADHS Business Coachin, erinnert daran, dass Achtsamkeit wichtig ist.

Und wenn du als Führungskraft oder HR-Verantwortliche*r gerade nachdenkst, welche Mitarbeiter*innen in deiner Organisation möglicherweise neurodivergent sind: Enttabuisiert Neurodivergenz, den weiblichen Zyklus, die Perimenopause. Entwickelt Lösungen mit Betroffenen – nicht für sie. Ein Setup, das für neurodivergente Menschen funktioniert, kommt üblicherweise auch neurotypischen Kolleginnen zugute.

Nur ein Setup, das für verschiedene Gehirne trägt, läuft langfristig stabil.

 

Gehörst du zur Lost Generation, so wie ich? Was war deine (Leidens-)Geschichte und wie hast du dein Setup angepasst, um endlich deinem Hirn gerecht zu werden?



Quellen & Studien:

Folgende Quellen & Studien bilden die Basis der nicht-anekdotischen Inhalte:

  • Young et al. (2020): Geschlechterunterschiede bei ADHS-Diagnosen und deren Auswirkungen über die Lebensspanne. Journal of Child Psychology and Psychiatry.

  • Frontiers in Global Women's Health (2025): „Research advances and future directions in female ADHD: the lifelong interplay of hormonal fluctuations with mood, cognition, and disease." Frontiers Media

  • Herstasis Health Foundation (2025): Östrogen-Dopamin-Zusammenhang und ADHS in der Menopause-Transition. herstasis.com

  • Neuy-Lobkowicz, A. (2023): Geschlechtsunterschiede bei ADHS im Erwachsenenalter. Fachpublikation, praxis-neuy.de

  • Handelsblatt / dpa (Dezember 2025): Östrogen und Dopamin – wenn Hormone ADHS verstärken. Expertenkommentar von Dr. Matthias Rudolph und Psychiaterin Lotta Borg Skoglund.


 
 
 

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