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Auch erwünschte Veränderungen in der Selbstständigkeit dürfen dich traurig machen

Aktualisiert: 10. Jan.

Wenn dieser Blogartikel online geht, sitze ich gerade bei meiner Abschlussprüfung zur Lebens- und Sozialberaterin. Einer der Lerninhalte, mit dem ich mich in den letzten Wochen intensiv beschäftigt habe, war das Thema „Umgang mit Trauer und Verlusten“. Ein Thema, das man intuitiv im privaten Kontext ansiedeln würde. Halt die „klassischen Themen“: Krankheit, Tod, Trennung und Abschied von Menschen.


Während des Lernens ist mir allerdings etwas aufgefallen, das mich nicht mehr losgelassen hat. In meiner Arbeit mit selbstständigen Expert*innen taucht Trauer fast immer auf. Nicht als zentrales Thema oder offensichtlich. Es ist eher leise, und oft als Zweifel oder Blockade „getarnt“, aber trotzdem spürbar.


Was mich diese Woche beschäftigt hat: Veränderung in der Selbstständigkeit

Du fragst dich gerade, welchen Grund meine Kund*innen für Trauer haben? Menschen, die zu mir kommen, sind mit dem aktuellen Zustand ihrer Selbstständigkeit nicht mehr zufrieden und wollen etwas verändern. Veränderung bedeutet immer auch, sich, zumindest teilweise, vom Bestehenden zu lösen und zu verabschieden. Und dieser Abschied bzw. die Loslösung „macht etwas mit uns“ – er löst Trauer in uns aus. Dabei ist es egal, ob wir uns von etwas Negativem oder Positivem verabschieden; egal, ob wir gute oder schlechte Assoziationen mit dem Bestehenden haben.


Dass Veränderungen in der Selbstständigkeit kein reines Strategieprojekt ist, war immer schon klar. Dass aber auch klassische Trauerarbeit einen legitimen Platz hat, hat mich dann doch etwas länger beschäftigt...


 

Veränderung in der Selbstständigkeit heißt Abschied vom Gewohnten

Alle meine Klient*innen haben ihre Selbstständigkeit über Jahre aufgebaut. Mit viel Einsatz, Entwicklung, Ausprobieren und Durchhalten. Das Business ist für sie (und mich) nicht nur eine Einkommensquelle, sondern auch Identität, Selbstverwirklichung und Beweis der eigenen Leistungsfähigkeit.


Wenn dann der Wunsch entsteht, etwas zu verändern, beginnt der Abschied.

Abschied von einem Arbeitsmodell, das lange getragen hat. Abschied von Ideen, die man einmal mochte oder sogar geliebt hat. Abschied von einer Version der eigenen Selbstständigkeit, die sich vertraut angefühlt hat.


Es kann auch vorkommen, dass Veränderung den Abschied von Menschen bedeutet; das neue Angebot trifft nicht mehr den Geschmack von ein paar Stammkund*innen; du brauchst andere Lieferant*innen; du musst dein Netzwerk umorientieren…

Dieser Abschied wird fast nie thematisiert, und wenn dann nicht auf der Gefühlsebene. Natürlich nicht aus Böswilligkeit oder absichtlich, sondern weil wir darauf „trainiert“ wurden, dass Business etwas Rationales ist.  Und deshalb zeigt sich die Trauer dann genau in solchen Situationen und Momenten getarnt als Vorsicht, Skepsis, Überanalyse oder Blockade.


Und weil wir doch alle so auf Rationalität und Business-Mindset getrimmt sind, konzentrieren wir uns sofort auf Lösungen, Pläne und nächste Schritte. Das wirkt pragmatisch, überspringt aber einen wichtigen Teil des notwendigen Trauer-Prozesses.

Und dann sitzen wir da mit einem perfekten Plan, den logischsten Erklärungen der Welt, einer schillernden Vision; und mit Bauchweh. Ein Bauchweh, das wir uns einfach nicht erklären können…


 

Trauer als normale Reaktion auf Veränderung

In der Trauerarbeit gilt Trauer als gesunde Reaktion auf Verlust. Verlust meint dabei aber nicht nur den Tod eines Menschen, sondern jede Form von bedeutsamer Veränderung.

Wenn etwas endet, das wichtig war, reagiert der Mensch. Emotional, körperlich, gedanklich. Diese Reaktion ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck von Bindung.


Übertragen auf die Selbstständigkeit heißt das: Für Menschen, die Trauer empfinden, wenn ein Themenbereich nicht mehr abgedeckt wird, ein Angebot ausgeschieden wird oder sich stark verändert, kann man mit Sicherheit sagen, dass sie sich mit Herz und Seele eingebracht haben. Sie haben eine Beziehung zu dem aufgebaut, was jetzt losgelassen werden soll.


Es ist wichtig, dass diese Trauer nicht als Problem verstanden wird, das gelöst werden muss. Trauer ist ein Prozess, der dazugehört und verstanden werden will.


 

Trauer als Prozess

In der Trauerarbeit kommt u.a. die „Tafel der Gezeiten“ zum Einsatz. Das Modell beschreibt Trauer nicht als linearen Prozess, sondern als spiralförmige Bewegung zwischen vier verschiedenen Zeiten der Trauer, die auch wiederkehren können.


Vereinfacht gesagt können uns Gefühle von Akzeptanz, Zerrissenheit, Bewältigung und Zukunftsorientierung unregelmäßig und unvorhergesehen „erwischen“.


Und soweit ich das beobachten konnte, gilt das sowohl für Trauer im Zwischenmenschlichen als auch Business-Kontext.


An manchen Tagen „flutscht“ alles, wir sind optimistisch, haben Energie und verfolgen unseren Plan mit Überzeugung und voller Freude. Und dann gibt’s die Tage, wo es eben nicht so flutscht, und kommen die Erinnerungen an früher, wo es leichter war, sicherer...


Und das gemeinste? Die Trauer betrifft nicht nur die Selbstständige, die die Veränderung anstößt, alleine!


Lass es mich an einem plakativen Beispiel festmachen: Stell dir vor dir gehört die kleine Konditorei im Grätzel und du entscheidest dich dazu zu schließen und nur noch Backkurse anzubieten. Vermutlich hast du lange an dieser Entscheidung gearbeitet. Du hast gezweifelt, warst zuversichtlich, warst traurig, hast dich auf die neuen Möglichkeiten in der Zukunft gefreut.


Und dann erzählst du deiner Kundschaft voller Vorfreude von deiner Entscheidung. Deine Kundschaft freut sich allerdings nicht mit dir, sondern ist traurig, macht dir vielleicht sogar ein schlechtes Gewissen.


Auch das passiert nicht aus Böswilligkeit, sondern aus ehrlicher Trauer und dem Bedürfnis heraus die gewohnte Ordnung, Gewohnheit und Routine aufrecht zu erhalten. Doch auch wenn es nicht böse gemeint war… diese Reaktionen bewirken was bei dir…


Deine Freude ist wieder eingetrübt, du zweifelst vielleicht sogar an deinen Plänen und denkst voller Sehnsucht an die tollen vergangenen Zeiten zurück…


 

Trauer als Geschenk

Und weil wir gelernt haben, im Business-Kontext Lösungs- und Zukunftsorientiert zu handeln, arbeiten wir dann extra hart und viel an unserem Plan. Kurzfristig kann das auch total gut funktionieren. Langfristig taucht das Thema des Abschieds dann aber oft wieder auf. Das kann in Form von innerem Widerstand, Entscheidungsschwierigkeiten oder dem Gefühl, sich selbst nicht ganz zu vertrauen, passieren.


Und wenn ich eines im Leben gelernt habe; Themen kommen so oft zurück, bis man sie gelöst hat, Gefühle kommen so lange hoch, bis man sie gefühlt hat.


Wer sich also erlaubt, Abschied bewusst wahrzunehmen, stärkt die eigene Fähigkeit, mit Veränderung umzugehen und letztlich die eigene Selbstwirksamkeit. Selbstwirksamkeit entsteht nämlich dadurch, dass wir gelernt haben mit herausfordernden Situationen umzugehen.


Im Business zeigt sich diese Selbstwirksamkeit später dadurch, dass wir Entscheidungen ruhiger und mit mehr Sicherheit treffen. Der Aktionismus in unserer Selbständigkeit nimmt ab und das Vertrauen in den eigenen Rhythmus steigt.


 

Trauer und Freude im Doppelpack

Ich habe meine Selbstständigkeit bisher nicht grundlegend neu ausgerichtet. Deshalb schreibe ich hier nicht aus eigener Erfahrung einer kompletten Neupositionierung. Was ich allerding kenne, ist das Vermissen bestimmter Aspekte aus meinem früheren Angestelltenleben. Wie z.B. die Klarheit von Strukturen oder das Teilen von Verantwortung mit einem größeren System oder das erleichternde Gefühl, nicht für alles alleine zuständig zu sein.


Dieses Vermissen bedeutet nicht, dass ich mit Selbstständigkeit unzufrieden bin oder den Schritt bereue. Es zeigt lediglich, dass Übergänge ambivalent sind und dass mehrere Gefühle gleichzeitig existieren können, ohne sich gegenseitig auszuschließen.

 


Abschied als Teil von Entwicklung

Entwicklung bedeutet also nicht nur Zugewinn, sie bedeutet auch Loslassen. Und genauso wie wir als Selbstständige gelernt haben Erfolge zu feiern, sollten wir auch lernen die Vergangenheit und das Geleistete zu schätzen und Abschiede zu betrauern.


Meiner Erfahrung nach wird dieser Teil im Business oft unterschätzt. Dabei entscheidet er meiner Meinung nach genau darüber, ob Veränderungen positiv und nachhaltig einen Platz in unserer Zukunft haben können. Für mich ist also Trauer im Business kein Zeichen von Schwäche oder Angst, sondern ein Hinweis darauf, dass etwas wichtig war. Und genau deshalb lohnt es sich Gefühle und Trauer ernst zu nehmen.

 

Wer dem Abschied also Raum gibt, kann das Neue bewusster gestalten und als nächste Version der eigenen Selbstständigkeit willkommen heißen.


Du musst aber Abschied und Veränderung nicht alleine aushalten. Wenn du dich gerade in einer Phase der Neuausrichtung befindest und merkst, dass dich etwas innerlich zurückhält, begleite ich dich gern durch diesen Übergang.

Weitere Informationen wie wir zusammenarbeiten können, findest du hier.


 
 
 

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